Von der Gründung des Katholischen Gefängnisvereins bis heute

Dekan Edelbert Rüber SJ + und Erwin Trenz, Sozialarbeiter

Die Ursprünge des Kath. Gefängnisvereins gehen in die zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zurück. Auf einer Kollektenreise durch England und die Niederlande hatte der evangelische Pfarrer Theodor Fliedner aus Kaiserswerth die "Britische Gefängnisgesellschaft" und den holländischen "Verein für Menschenfreunde" kennen gelernt. Am 18. Juni 1826 gründete er im Landgerichtsgebäude Düsseldorf zusammen mit drei Stadtprocuratoren (Staatsanwälte) und einigen weiteren Bürgern die interkonfessionelle "Rheinisch-Westfälische Gefängnisgesellschaft". Erster Vorsitzender dieses Privatvereins war der katholische Mitbegründer Staatsprocurator Wingender. Nach der Bestätigung durch den preußischen König am 15.12.1827 wurde in der ersten Generalversammlung am 12.05.1828 der katholische Graf Spee von Heltorf zum ersten Präsidenten der neuen Gesellschaft gewählt.

Die Gesellschaft dehnte sich sehr schnell über die heutigen Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Saarland aus. 1838 gab es schon 8 Tochtergesellschaften und 44 Hilfsvereine, darunter 1831 einen evangelischen Gefängnisverein in Düsseldorf als örtlichen Hilfsverein der Gesellschaft. Auch ein Frauenverein "zur Hebung des Strafvollzuges an den Weiblichen" unter dem Vorsitz der Gräfin Spee bildete sich.

Der Sitz der Muttergesellschaft in Düsseldorf, die Mitarbeit vieler Düsseldorfer Katholiken und das gute ökumenische Klima in den ersten Jahrzehnten ließen den Gedanken an einen eigenen katholischen Hilfsverein gar nicht aufkommen. Diese Lage änderte sich aber in den fünfziger Jahren nach der Revolution von 1848. Die "Rheinisch-Westfälische", wie sie kurz genannt wurde, erhielt einen bewusst evangelischen Vorstand. Der Kulturkampf nach 1870 und das Aufblühen unzähliger kirchlicher Vereine taten ein übriges. So kam es 1893 zur Gründung eines eigenen katholischen Vereins.

Die Gründungsphase

Am 1. Mai 1893 luden einige Herren, darunter Landesrat Dr. Peter Klausener (der Vater des 1943 von den Nationalsozialisten in Berlin ermordeten Erich Klausener) und Arresthauspfarrer Dr. Meister in den Casinosaal des kath. Vereinshauses in der Bilker Straße ein, um die Gründung eines kath. Gefängnisvereins zu besprechen.

Die Vorbereitungen führten zu einer konstituierenden Versammlung, die am 23. November 1893 im Paulushaus, Luisenstr. 33, unter dem Vorsitz des Landesrates Dr. Klausener tagte. Der Verein erhielt einen komplizierten Namen: "Verein zur Fürsorge für die aus den Gefängnisanstalten in Düsseldorf entlassenen kath. Straffälligen und deren Familien". Die hier gemeinten Strafanstalten waren das neue Zellengefängnis in Derendorf, die heutige "Ulmer Höh'", und das alte Strafgefängnis in der Akademiestraße.

Nach den Satzungen sollte die Fürsorge ausgeübt werden durch Unterstützung der Entlassenen mit Kleidungsstücken und Naturalien, durch die Beschaffung von Arbeit, durch sachgemäße Verwendung der dem Verein oder seinen Organen zu überweisenden Arbeitsgebäude sowie durch moralische und materielle Unterstützung der Familien der Gefangenen. Als seine besondere Aufgabe betrachtete der Verein auch die Fürsorge für die jugendlichen Entlassenen, indem er ihnen in geeigneten Fällen Erziehung und gewerbliche Ausbildung durch Unterbringung in Familien und geeigneten Anstalten vermitteln wollte. Zur Erreichung seiner Zwecke sollte der Verein mit dem zuständigen Geistlichen, mit anderen caritativen Vereinen und Anstalten, auch der bürgerlichen "Armenverwaltung", in Verbindung treten und Vertrauensmänner wählen. In gegebenen Fällen sollte auch die Überweisung des Entlassenen in eine kath. Arbeiterkolonie, in die Anstalt zum guten Hirten oder ähnliches in Aussicht genommen werden.

In der Gründungsversammlung trugen sich 54 Herren in die Liste als Vereinsmitglieder ein. In den Vorstand wurden gewählt: Dechant Kribben, Pfarrer Bechem, Strafanstaltspfarrer Eisenbach, Gefängnisseelsorger Dr. Meister, Religionslehrer Neumann, Pfarrer Nottelbaum, Freiherr von Ayx, Staatsanwalt Dr. Cretschmar, Landgerichtsrat Kirsch, Landesrat Klausener, Reichsgraf von Spee, Regierungsrat Dr. von Werner.

Auf der ersten Vorstandssitzung im kath. Vereinshaus auf der Bilker Straße verteilte der Vorstand seine Aufgaben - Vorsitzender: Dr. Cretschmar (Stellvertreter: Dechant Kribben); Kassierer: Freiherr von Ayx (Stellvertreter: Kirsch); Schriftführer: Dr. Meister (Stellvertreter: Eisenbach).

Interessant ist, dass die grundsätzliche Arbeitsteilung bis heute ähnlich blieb. Erster Vorsitzender war immer ein Jurist: bis 1899 Staatsanwalt Dr. Cretschmar, bis 1906 Landgerichtsdirektor Jerusalem, danach bis 1923 Geheimrat Clostermann, dann bis 1939 Landgerichtsdirektor Dr. Thywissen. Nach der formellen Neugründung 1953 und Eintragung ins Vereinsregister (07.01.1955) wurde auf der Mitgliederversammlung am 14.12.1954 Landgerichtsdirektor Albert Weskamp zum Vorsitzenden gewählt. 1965 folgte Landgerichtsdirektor Heinz Josten, 1975 Vorsitzender Richter am Landgericht Otto Strauß.

Ausnahme war der kath. Anstaltsseelsorger Faßbender, der direkt vor und nach dem 2. Weltkrieg 1. Vorsitzender war. Die Gefängnisseelsorger gehören immer mit zum Vorstand, heute als Geschäftsführer. So war die enge Zusammenarbeit mit der Seelsorge im Gefängnis gesichert.

Auf der oben genannten ersten Vorstandssitzung vereinigte sich der bisherige sogenannte Dekanatsverein mit dem Gefängnisverein und übertrug ihm seine Barbestände.

Als eine seiner wichtigsten Aufgaben sah der Verein in den ersten Jahren die Werbung von Mitgliedern. Im Jahre 1894 zählte der Verein 187 Mitglieder; die Vereinskasse hatte einen Bestand von 235 RM. Die Mitgliederzahl stieg rapide; 1895 hatte der Verein schon 985 Mitglieder, 1900 waren es 1.065, davon 619 Düsseldorfer und 446 Auswärtige. 1912 waren es nur 321 Düsseldorfer und rund 150 Auswärtige.

Zunehmend enger arbeitete der Verein mit allen Institutionen und Vereinen zusammen, die sich um Straffällige kümmerten. 1894 trat der Verein auf Wunsch des Kölner Erzbischofes der Rheinisch-Westfälischen Gefängnisgesellschaft bei. Auch wenn es in den ersten Jahren noch manche Reiberei gab, besserte sich das Verhältnis doch zusehends. 1909 wurde der Verein ganz offiziell Hilfsverein der Gefängnisgesellschaft und erhielt finanzielle Hilfe von ihr. Seit 1927 bezahlte sie sogar einen hauptamtlichen kath. Fürsorger für den Kath. Gefängnisverein. Seit 1934 hatte diesen Posten der 1970 gestorbene August Moll inne. Heute finanziert der Sozialdienst Kath. Frauen und Männer e.V. Düsseldorf eine Sozialarbeiterstelle für den Kath. Gefängnisverein.

Von Anfang an arbeitete der Gefängnisverein mit den Vinzenz- und Elisabethvereinen zusammen; er war beteiligt an der Gründung der kath. Fürsorgevereine für Männer und Frauen (heute SKFM). Er war auch beteiligt an der Gründung oder dem Ausbau von Unterkünften und Erziehungsheimen: dem Notburgahaus in Neuss (für weibliche Jugendliche), einer Unterkunft für Frauen bei den Vinzenzschwestern in der Schlossstrasse, dem Raphaelhaus, einem Vorläufer des heutigen Caritasheimes, und so mancher anderer Einrichtung.

Auch die Einrichtung ehrenamtlicher Betreuer ist nichts Neues für den Verein. Seit 1894 gingen zwei Damen (Frau Bicheroux und Frau Kleinertz) regelmäßig ins Frauengefängnis (im Gebäude der heutigen Jugend-Untersuchungshaftanstalt) und besuchten die Insassinnen mit ministerieller Genehmigung auf den Zellen.

Nationalsozialismus

Eine große Zäsur gab es 1938/39. Im Zuge der Gleichschaltung aller Verbände und Vereine durch den nationalsozialistischen Staat wurde 1938 die Rheinisch-Westfälische Gefängnisgesellschaft umgebildet und in drei Vereine entsprechend den Oberlandesgerichtsbezirken Köln, Düsseldorf, Hamm aufgeteilt. Die Tradition der alten Gesellschaft führte die "Niederrheinische Straffälligenhilfe und Ermittlungshilfe Düsseldorf" fort. Die wenigen konfessionellen Vereine mussten verschwinden. Der Vorstand konnte sich schweren Herzens nicht der Einsicht verschließen, dass ein Widerspruch und eine Fortsetzung der Vereinstätigkeit nach Gründung des beabsichtigten Düsseldorfer Vereins nicht mehr möglich sei und sogar die Stellung des Gefängnispfarrers ungünstig beeinflussen würde. Der Vorstand war demnach mit der Einstellung der Vereinstätigkeit einverstanden und bevollmächtigte den Vorsitzenden und den Schriftführer, die erforderlichen Verhandlungen mit dem Leiter des neuzugründenden Vereins zu führen. Das Ergebnis war, dass der Gefängnisverein seine Tätigkeit mit der Weihnachtsbescherung 1938 einstellte und die Mitgliederliste (nicht die Kasse, wie der Vorsitzende eigens vermerkte) übergab.

In der Gründungsversammlung des neuen Vereins am 30.11.1938 wurde der Vorsitzende und der Schriftführer in den Beirat dieses Vereins berufen. Eine Schlusssitzung des alten Vorstandes in der Privatwohnung des Vorsitzenden am 16.01.1939 beendete diesen ersten Abschnitt.

Über die Zeit während des Krieges gibt es verständlicherweise wenig Unterlagen. Da die beiden Hauptamtlichen (Pfarrer = Geschäftsführer und kath. Fürsorger), die auch vorher einen großen Teil der Arbeit des Vorstandes geleistet hatten, weiterarbeiten konnten, ging manches aus der praktischen Arbeit weiter. Pikanterweise konnte der Fürsorger des Gefängnisvereins, August Moll, ungestört bis 1945 im Gefängnis Ulmer Höh' weiterarbeiten - wahrscheinlich von Privatleuten bezahlt.

Neubeginn nach dem Krieg

Nach dem Krieg wurde in den Jahren 1946/47 vor allem von den Herren Oberlandesgerichtspräsident Lingemann, Domkapitular Buchholz, Oberstadtdirektor Dr. Hensel und Fürsorger Moll versucht, die Rheinisch-Westfälische Gefängnisgesellschaft wiederzugründen. Da dies nicht gelang, konzentrierten sich Prälat Peter Buchholz, Fürsorger August Moll und später Dekan Msgr. Johannes Schmitz auf die Weiterarbeit des Kath. Gefängnisvereins. Wie schon erwähnt, wurde der Verein am 07.01.1955 ins Vereinsregister eingetragen.

Die Arbeit blieb weitgehend die gleiche wie vor der Zäsur durch die Nationalsozialisten. Verbessert wurde die Zusammenarbeit mit der evangelischen Seite, dem Evgl. Gefangenen-Fürsorge-Verein. Die beiden konfessionellen Vereine bilden seit langem eine Arbeitsgemeinschaft mit dem Namen "Gefangenenfürsorge Düsseldorf".

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