Erschienen in Ulmer Echo 1/2009

Hinter Gittern-Das Leben im Knast
Ein Pfarrer hinter Gittern-Seit 25 Jahren ist Reiner Spiegel Ansprechpartner im Gefängnis Ulmer Höh`
Pater kritisiert Drogenpolitik-Der Gefängnisseelsorger Pater Wolfgang hält verschärfte Gesetze für falsch
Jeder zweite Häftling in NRW ist psychisch krank

 

Hinter Gittern
Das Leben im Knast

Foto: vnoel

„Das Gefängnis: Ein Hotel hinter Gittern, ein Leben in Saus und Braus!?“ Wer so denkt, kann noch nie in einem deutschen Knast gewesen sein. Der Strafvollzug, so steht es im Gesetz, soll auch dem Schutz der Allgemeinheit dienen, (negative Spezialprävention), es geht also auch ums Wegsperren. Oberstes Ziel der Gefängnisstrafe ist nach Strafvollzugs- und Grundgesetz aber die Resozialisierung. Das bedeutet, dass die Gefangenen lernen sollen, künftig in sozialer Verantwortung ein Leben ohne Straftaten zu fuhren, (positive Spezialprävention). Ob dieses Ziel durch den streng hierarchischen Aufbau des Gefängnisses und die absolute Kontrolle über die Gefangenen erreicht werden kann, ist nach kriminologischen Studien äußerst fraglich. Viele ehemalige Häftlinge werden nach der Entlassung wieder straffällig, die Rückfallquote kann bis zu 55% betragen. Weit entfernt von jedem Leben in Freiheit bekommen die Gefangenen die Kontrolle der Institution Gefängnis zu spüren. Der komplett durchgeplante Tagesablauf fördert nicht gerade die Selbständigkeit der InsassInnen: 5:58 Uhr Aufstehen, 6:00 Uhr Frühstück, 6:45 Uhr Arbeitsbeginn, 11:50 Uhr Mittagessen, 12:35 Uhr F.nde der Mittagspause, und so weiter. Theoretisch soll die Strafe nur in der Freiheitsentziehung liegen, praktisch werden die Gefangenen von ihrem sozialen Umfeld getrennt, der Kontakt zu Familie und FreundInnen wird in der Regel auf eine Stunde Besuchszeit im Monat beschränkt und die Privatsphäre der Gefangenen wird faktisch abgeschafft. Briefe, die ein- und ausgehen, können „aus Gründen der Behandlung oder der Sicherheit und Ordnung“ vom Personal mitgelesen werden. Die Gefangenen dürfen nur zu bestimmten Zeiten mit bestimmten Leuten telefonieren, selbst angerufen werden können sie nicht. Alle zu einer Freiheitsstrafe Verurteilten müssen 7,5 Stunden am Tag arbeiten - zu einem Lohn von ca. l ,43 Euro in der Stunde. Von dem erarbeiteten Geld stehen den Gefangenen nur drei Siebtel zur freien Verfügung, der Rest wird zwangsweise angespart für die Zeit nach der Entlassung (das so genannte Überbrückungsgeld). Nur die zu lebenslänglichen Strafen Verurteilten können über einen höheren Anteil ihres Lohns verfügen. Außerdem werden die Gefangenen immer öfter für den Unterhalt der Vollzugsanstalt und sogar für Stromkosten von Fernsehgeräten oder DVD-Playern herangezogen: „Unangebrachten Anspruchsdenken“ soll so entgegen gewirkt werden. Die Gefangenen, die in der Anstalt arbeiten, sind gerade mal Unfall- und Arbeitslosenversichert und bekommen die nötige medizinische Versorgung. Für Einzahlungen in die Rentenversicherung wird nicht gesorgt. Wer also im Alter von 60 oder 65 Jahren entlassen wird, hat zwar gearbeitet, aber keinen Rentenanspruch. Im Knast gehen „Sicherheit und Ordnung“ über alles, und selbst die normalsten Gegenstände stellen ein Risiko für die Institution dar: Ein Haartrockner oder eine Leselampe sind potentielle Waffen, ein Kanarienvogel würde die regelmäßige Zellenkontrolle erschweren (da der Futternapf ein potentielles Versteck darstellt), eigene Bettwäsche könnte Drogenverstecke in sich bergen, eine teure Armbanduhr den Schwarzmarkt fördern. Für alle persönlichen Gegenstände außer Fotos müssen daher Anträge gestellt werden, die oft abgelehnt werden. Es ist sehr gut vorstellbar, wie Menschen durch eine lange Haftdauer jeder Fähigkeit beraubt werden, ein eigenständiges Leben in Freiheit zu führen. Vielmehr lernen sie im Knast, sich hierarchischen Strukturen zu unterwerfen, Selbständigkeit aufzugeben und nicht aufzumucken. Ganz wie im Hotel also.


von Sophie Rotino (22), die beim „Arbeitskreis kritischer Juristinnen“ aktiv ist;aus: Graswurzel Revolution 9/2009

 

Ein Pfarrer hinter Gittern
Seit 25 Jahren ist Reiner Spiegel Ansprechpartner im Gefängnis „Ulmer Höh“

Foto: Rheinbote Reiner Spiegel hat eine Schwäche für Kunst: Sein Zimmer in der Justizvollzugsanstalt Düsseldorf hängt voller Bilder, die ihm die Häftlinge als „Dankeschön“ geschenkt haben. Seit 25 Jahren kümmert sich der katholische Pfarrer als Seelsorger um die Gefangenen der „Ulmer Höh“. Etwa 500 Gefangene - „vom Eierdieb bis zum Terrorist“ - sitzen im so genannten Männerhaus für einen Zeitraum von ein paar Tagen bis zu vier Jahren, dazu kommen etwa 70 bis 80 Jugendliche in Untersuchungshaft. Frauen sind hier an der Ulmenstraße nicht untergebracht. Zuständig ist der Pfarrer für alle, die sich bei ihm melden und das sind nicht nur Christen. Weswegen sie im Gefängnis sind oder welchen Glauben oder Nationalität sie haben, ist dem Pfarrer nicht wichtig und er schaut extra nicht in die Akten, um dem Einzelnen unvoreingenommen entgegen zu treten. Spiegel: „Für mich ist es unerheblich, wer hier einsitzt. Es geht um die Menschen.“ Einige betreut er auch über die Haft hinaus. Auch Bedienstete suchen bei ihm das Gespräch. Spiegel hört ihnen zu, ist gleichzeitig Berater, Vermittler zwischen drinnen und draußen. „Viele der Häftlinge sind Menschen, die über lange Zeit vernachlässigt wurden und große Schwierigkeiten haben, Kontakte zu knüpfen oder Beziehungen zu führen“, sagt Spiegel. „Viele kennen als Mittel der Problemlösung nur Gewalt.“ Dem entsprechend drehen sich die seelsorgerischen Gespräche auch meistens nicht um die Straftaten, sondern um die täglichen Ängste und Sorgen, die Probleme mit der Partnerin oder die Perspektiven nach dem Gefängnisaufenthalt. „Wenn jemand möchte, rede ich mit ihm auch über den Glauben, aber wir missionieren hier nicht“, sagt Spiegel. Über das was gesprochen wird, muss der Geschäftsführer des Katholischen Gefängnisvereins absolute Schweigepflicht bewahren. Der Kontakt mit vielen Menschen macht für Spiegel den Reiz der Arbeit aus. Angst oder Beklemmungen empfindet er nicht - „sonst könnte ich den Job auch nicht machen“. Zahlreiche Hobbies - zum Beispiel ist er im Schützenverein und im Kegelclub, begeisterter Hobby-Gärtner und Leseratte - und ein großer Freundeskreis sorgen für den nötigen Ausgleich der emotional anstrengenden Arbeit. Manchmal ist er traurig und leidet mit den Gefangenen. Mitleid aber verbietet er sich. „Denn jeder lebt sein Leben und ich kann ihnen die Verantwortung und die nächsten Schritte nicht abnehmen. Ich kann sie nur ein Stück begleiten, damit sie ihren eigenen Weg finden.“ Neben Reiner Spiegel und seinem evangelischen Kollegen kümmern sich bis zu 70 Ehrenamtliche um die Gefangenen.
von N.Cent; aus: Rhein-Bote 21.01.09

 

Pater krititsiert Drogenpolitik
Der Gefängnisseelsorger Pater Wolfgang hält verschärfte Gesetzte für falsch

Foto: RP Unterschiedliche Aspekte eines Problems lernt Dominikanerpater Wolfgang Sieffert automatisch durch seine vielfältigen Kontakte kennen. Als Gefängnis-Seelsorger beschäftigt er sich mit den Schwierigkeiten von Straffälligen und deren Familien, über seinen Bruder, der Kommissar bei der Polizei ist, erfährt er viel über die Sichtweisen der Gesetzeshüter, als Mitarbeiter der Armenküche hat er enge Kontakte zu Sozialarbeitern und Streetworkern, die mit schweren Schicksalen zu tun haben. Aus dieser umfassenden Sicht heraus ist für ihn die neue Drogengesetzgebung in NRW ein Rückschlag für die Bemühungen, möglichst viele vor einer Sucht zu bewahren. Wie es seine offene und selbstbewusste Art ist, hält er mit der Kritik nicht hinter dem Berg, sondern macht sie öffentlich, beispielsweise gemeinsam mit seinem Team in der Sonderausgabe „Drogen“ des „Ulmer Echo“, des Gefangenenmagazins der Justizvollzugsanstalt „Ulmer Höh’“. Seiner Ansicht nach machen Bestimmungen, dass selbst der Besitz kleinster Mengen Drogen angezeigt und zur Anklage gebracht werden muss, die vorbeugende Arbeit gegen Drogenkonsum kaputt. „Wenn schon der Vertrauenslehrer in einer Schule die Polizei sofort unterrichten muss, sind keine vertraulichen Gespräche mehr möglich“, ist er überzeugt. In der Konsequenz würden Jugendliche noch schneller in die versteckte Szene abgedrängt und schneller kriminalisiert. Konnte bisher der Besitz kleinster Mengen für den Selbstkonsum auch noch als Jugendsünde, wenn auch eine schlimme, eingeordnet werden, so gelte dies jetzt von vornherein als Straftat. „Das Eingehen auf die Person und eine individuelle Hilfe sind fast unmöglich“, sagt Pater Wolfgang und macht aus seinem Zorn keinen Hehl. Natürlich müssten Eltern, Lehrer, Jugendleiter und Sozialarbeiter die Augen offen halten, junge Menschen auf Drogenkonsum ansprechen und ihn verhindern. Auch die vorbeugende Zusammenarbeit mit der Polizei sei unumgänglich. Aber repressive Gesetze würden durch die Angst Menschen ausgrenzen. Und das sei schlecht für den Menschen - nicht nur aus biblischer Sicht. von M. Brockerhoff;aus: RP 23.03.09 Foto: RP



Jeder zweite Häftling in NRW ist psychisch krank

Foto: Archiv Zwei Häftlinge der JVA Gelsenkirchen sollen ihre Opfer gequält und sexuell missbraucht haben. Ihnen wird vorgeworfen, einen Mitgefangenen zum Selbstmord aufgefordert zu haben. „Wenn die Vorwürfe stimmen, stellt sich die Frage, ob die Täter psychisch normal sind“, sagt Monika Düker, Innenexpertin der Grünen. Immer wieder würden Inhaftierte von verhaltensgestörten Mithäftlingen malträtiert. Gerd Asselborn ist Vorstandsmitglied der Landesarbeitsgemeinschaft der Vollzugspsychologen in NRW. „Mehr als die Hälfte der rund 18.000 Häftlinge in den Gefängnissen unseres Landes sind psychologisch behandlungsbedürftig“, erklärt der 56-Iährige. Diese Quote wird auch in einem internen Konzept für die Behandlung von psychisch Kranken im Vollzugskrankenhaus Fröndenberg, das unserer Zeitung vorliegt, genannt. Oft würden die Störungen schon ins Gefängnis „mitgebracht“, ist sich Asselborn sicher. „Vor allem bei Tätern, die keine Sexualstraftaten verübt haben, bleiben Auffälligkeiten häufig unbemerkt. Im Gerichtsverfahren hängt die Beantragung einer psychologischen Begutachtung häufig vom Zufall ab.“ Eine Studie von Carl-Ernst von Schönfeld, Psychiater an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Bethel, kam an der JVA Bielefeld-Brackwede sogar zu dem Ergebnis, dass dort zum Zeitpunkt der Erhebung 80 Prozent der Häftlinge Störungen aufwiesen. Die Zahl sei „erschlagend hoch“. Häufigste Erkrankungen sind Affektstörungen, Psychosen und Schizophrenie. In den Haftanstalten kümmern sich derzeit 130 Vollzugspsychologen um die Gefangenen. Für die Schwerstkranken stehen 30 stationäre Betten bereit. „Viel zu wenig“, sagt Grünen-Expertin Düker. „Niedersachsen verfügt beispielsweise über 40 Betten bei 6500 Gefangenen. Wir brauchen ein Konzept für eine bedarfsorientierte Versorgung.“ NRW-Justizminister in Roswitha Müller-Piepenkötter (CDU) räumt den Mehrbedarf an Betreuung ein. Sie hat angekündigt, die Bettenzahl im Justizkrankenhaus Fröndenberg auszubauen. Die Vorfälle in der JVA Gelsenkirchen sind am Mittwoch Thema im Rechtsausschuss des Landtags. von G. Voogt;aus: RP 09.01.2009






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